Im Kirchenbuch sieht die Sache zunächst nach einem Fehler aus. Am 12. März wird eine Anna geboren, zwei Jahre später steht bei denselben Eltern schon wieder eine Anna. Oder Johann taucht innerhalb einer Familie zweimal auf, vielleicht sogar dreimal. Wer heute einen Stammbaum baut, ist schnell versucht, aus zwei Einträgen eine Person zu machen.
Das kann den Stammbaum an genau dieser Stelle ruinieren.
In historischen Familien kam es vor, dass nach dem Tod eines Kindes ein später geborenes Kind denselben Vornamen erhielt. Die Praxis ist für verschiedene europäische Regionen belegt und wird auch in der heutigen genealogischen Fachpraxis ausdrücklich als mögliche Erklärung für gleichnamige Geschwister berücksichtigt. Sie war allerdings weder überall gleich verbreitet noch eine feste Regel. In manchen Regionen konnten sogar zwei lebende Geschwister denselben oder sehr ähnliche Vornamen tragen. Der Name allein beweist deshalb weder, dass zwei Einträge dieselbe Person betreffen, noch dass das ältere Kind zwingend schon gestorben war.
Für die Ahnenforschung ist genau diese Unterscheidung wichtig. Wer zwei gleichnamige Kinder vorschnell zusammenführt, kann Geburtsdaten, Ehepartner und Nachkommen einer Person zuordnen, die es in dieser Form nie gegeben hat. Das Landesarchiv Baden-Württemberg empfiehlt bei der Familienforschung deshalb ausdrücklich, die einzelnen Generationen und Lebensereignisse Schritt für Schritt anhand der Quellen zu verfolgen und keine vermeintlich offensichtliche Verbindung zu überspringen.
Warum wurden Namen überhaupt immer wieder verwendet?
Unsere heutige Vorstellung von Vornamen ist stark von Individualität geprägt. Eltern suchen einen Namen für dieses eine Kind. In früheren Jahrhunderten erfüllte ein Vorname oft noch andere Funktionen. Er konnte eine Verbindung zur Familie, zu Paten, Heiligen oder anderen Bezugspersonen ausdrücken.
Die historische Namenforschung bezeichnet die Weitergabe bereits vorhandener Namen als Nachbenennung. Die Linguistin Damaris Nübling beschreibt für ältere deutsche Namengebung eine stark gebundene Praxis: Kinder wurden häufig nach Eltern, Großeltern, Paten, Heiligen oder Herrschern benannt. Dadurch blieb der verfügbare Namensbestand vergleichsweise klein. In einzelnen historischen Populationen konnten Namen wie Johannes oder Margarete einen erheblichen Anteil der Bevölkerung ausmachen.
Auch Taufpaten spielten eine Rolle. Eine Untersuchung von Taufmatrikeln aus München und Passau beschreibt die Übernahme von Heiligennamen der Taufpaten als eine Ursache dafür, dass sich bestimmte Vornamen stark häuften. Mehrere Vornamen, die später verbreiteter wurden, erweiterten die Möglichkeiten wieder etwas.
Wer in einem Kirchenbuch des 17. oder 18. Jahrhunderts zehn Johannes findet, hat deshalb nicht zwangsläufig zehn bemerkenswert einfallslose Elternpaare vor sich. Namen funktionierten in diesem Umfeld anders.
Was geschah, wenn ein Kind früh starb?
Kindersterblichkeit gehörte über lange Zeit in einem Ausmaß zum Familienleben, das heute schwer vorstellbar ist. Historische Demografie für Deutschland zeigt erhebliche regionale Unterschiede, aber durchgehend eine wesentlich höhere Säuglings- und Kindersterblichkeit als heute. Für das 19. Jahrhundert sind aus einzelnen deutschen Regionen Säuglingssterblichkeitsraten von deutlich über zehn Prozent belegt; in manchen Regionen starb zeitweise mehr als ein Drittel der Lebendgeborenen bereits im ersten Lebensjahr.
Eine umfangreiche Untersuchung zur Säuglingssterblichkeit in sechs ländlichen deutschen Regionen des 18. und 19. Jahrhunderts arbeitet deshalb mit Kirchenbuchdaten und rekonstruierten Familien, um Geburten und frühe Todesfälle überhaupt zusammenführen zu können. Die Sterblichkeit unterschied sich nach Region, Zeit, Familiengröße und weiteren Faktoren erheblich.
Wenn ein Kind starb, konnte sein Name später erneut vergeben werden. Dahinter muss man keine Vorstellung suchen, das verstorbene Kind sei als austauschbar betrachtet worden. Historische Namengebung war stärker als heute an Familie, Patenschaft und Tradition gebunden. War beispielsweise ein bestimmter Vorname innerhalb einer Familie vorgesehen oder sollte eine bestimmte Person durch die Namengebung geehrt werden, konnte dieser Name nach dem Tod des ersten Namensträgers erneut erscheinen.
Für die konkrete einzelne Familie lässt sich das Motiv allerdings meist nicht beweisen. Ein Kirchenbuch verzeichnet eine Taufe und vielleicht ein Begräbnis. Es erklärt uns selten, warum die Eltern beim nächsten Kind denselben Namen wählten. Die Namenswiedervergabe ist als Praxis belegt; die Gefühle und Beweggründe bestimmter Eltern sollte man nicht nachträglich erfinden.
Derselbe Name bedeutet nicht automatisch dieselbe Person
Hier beginnt das eigentliche Problem für heutige Stammbäume.
Nehmen wir eine Familie Müller. Ein Kind namens Johann wird 1764 getauft. 1767 erscheint bei denselben Eltern wieder ein Johann. Wer nur eine Namenssuche in einer genealogischen Datenbank benutzt, bekommt möglicherweise beide Treffer angezeigt und entscheidet: Das muss derselbe Johann sein, das Geburtsdatum ist wohl irgendwo falsch übertragen worden.
Vielleicht.
Vielleicht starb Johann I. 1765 und Johann II. wurde zwei Jahre später geboren.
Vielleicht lebten sogar beide.
Die Forschung über gleichnamige Geschwister liefert gerade für diesen letzten Punkt eine wichtige Warnung. Eine Untersuchung historischer Daten von der schottischen Insel Skye zeigte, dass gleichzeitig lebende Geschwister mit identischen oder sehr ähnlichen Namen dort im 19. Jahrhundert keineswegs nur theoretische Ausnahmefälle waren. Mehr als ein Drittel der untersuchten dafür infrage kommenden Familien wies gleichnamige Geschwister auf. Die Autoren warnen deshalb ausdrücklich davor, aus der Wiederholung eines Namens automatisch auf einen zuvor verstorbenen Bruder oder eine verstorbene Schwester zu schließen.
Für Deutschland lässt sich daraus keine identische Quote ableiten. Der Befund zeigt etwas anderes: Namensregeln unterscheiden sich regional und zeitlich. Eine genealogische Faustregel darf deshalb niemals einen Quellenbeleg ersetzen.
Der Sterbeeintrag zwischen zwei Taufen ist Gold wert
Wer zwei gleichnamige Kinder desselben Elternpaares findet, sollte zunächst nach einem Sterbe- oder Begräbniseintrag des früher geborenen Kindes suchen.
Kirchenbücher sind dafür die wichtigste Quelle. Das Landesarchiv Baden-Württemberg weist darauf hin, dass sie in erster Linie Taufen, Eheschließungen und Begräbnisse dokumentieren. Taufregister enthalten üblicherweise den Namen des Kindes, die Eltern und häufig auch die Taufpaten. Totenregister können Familienstand, Alter und weitere Informationen enthalten. Im deutschen Südwesten reichen einzelne Kirchenbücher bis in die 1520er-Jahre zurück, eine kontinuierliche Überlieferung beginnt je nach Pfarrei allerdings oft deutlich später.
Gerade bei Namenswiederholungen sollte man diese drei Quellenarten nicht getrennt betrachten. Die Taufe von Anna I., ihr Begräbniseintrag und die spätere Taufe von Anna II. bilden zusammen eine Lebensfolge.
Fehlt der Begräbniseintrag, ist die Sache noch nicht entschieden.
Kirchenbücher sind historische Quellen, keine lückenlose Datenbank. Bände können verloren gegangen sein, einzelne Einträge fehlen und kirchliche Zuständigkeiten konnten sich verändern. Das Landesarchiv weist für Baden-Württemberg ausdrücklich darauf hin, dass Kirchenbücher je nach Region unterschiedlich früh einsetzen und ältere Bände beispielsweise durch den Dreißigjährigen Krieg verloren gegangen sein können.
„Keinen Tod gefunden“ bedeutet deshalb nicht dasselbe wie „das Kind lebte nachweislich noch“.
Geburt und Taufe sollte man ebenfalls auseinanderhalten
Ein weiterer Fehler entsteht, wenn das Datum im Taufregister automatisch als Geburtsdatum übernommen wird.
Ältere Kirchenbücher dokumentieren häufig in erster Linie die kirchliche Handlung. In manchen Quellen steht nur die Taufe oder nur die Beerdigung, nicht zwingend das genaue Geburts- beziehungsweise Todesdatum. Die historische Kirchenbuchkunde des Landesarchivs Baden-Württemberg weist ausdrücklich auf dieses Problem hin.
Das kann bei zwei gleichnamigen Geschwistern entscheidend sein. Wer aus einem Taufdatum ein exaktes Geburtsdatum macht und anschließend noch einen ungenauen Sterbeeintrag dazunimmt, erzeugt schnell scheinbare Überschneidungen, die in den Originalquellen gar nicht vorhanden sind.
Für einen sauberen Stammbaum würde ich deshalb immer notieren, was wirklich in der Quelle steht:
Taufe am 17. Mai ist eine Taufe am 17. Mai.
Geboren am 17. Mai ist eine andere Aussage.
Wenn der Pfarrer beides notiert hat, wunderbar. Wenn nicht, sollte die Lücke auch im eigenen Stammbaum sichtbar bleiben.
Zwei Annas sind nicht automatisch Anna I und Anna II
Die Nummerierung hilft beim eigenen Arbeiten, gehört aber nicht in die historische Quelle.
Wenn eine Familie 1732 eine Anna und 1735 eine zweite Anna taufen ließ, kann man sie in den Forschungsnotizen vorläufig als Anna I und Anna II unterscheiden. Damit behauptet man noch nichts über ihre tatsächlichen Rufnamen oder darüber, wie die Familie selbst sie auseinanderhielt.
Besonders vorsichtig sollte man bei mehreren Vornamen sein. Johann Georg und Johann Friedrich sind zwei unterschiedliche vollständige Namen, auch wenn beide in einer Datenbank unter „Johann Müller“ landen können. Ebenso kann ein Mensch im Alltag unter einem Rufnamen erscheinen, während der Taufeintrag mehrere Namen enthält.
Genau aus solchen Verkürzungen entstehen später Stammbäume, in denen ein Johann gleichzeitig zwei Frauen heiratet, an zwei Orten Kinder bekommt und zwischendurch offenbar drei Jahre vor seiner eigenen Geburt stirbt.
Historische Personen sind erstaunlich selten das Problem.
Meistens ist es die Zusammenführung.
Die Taufpaten können zwei gleichnamige Kinder auseinanderhalten
Gerade bei häufigen Namen sind Taufpaten für die Zuordnung ausgesprochen nützlich.
Das Landesarchiv Baden-Württemberg nennt die Paten ausdrücklich als typische Bestandteile eines Taufregisters und weist darauf hin, dass deren Namen und Wohnorte sogar Hinweise auf Herkunft und Verwandtschaft liefern können.
Wenn bei Anna I. andere Paten genannt werden als bei Anna II., ist das ein zusätzliches Indiz dafür, dass tatsächlich zwei verschiedene Taufen und zwei verschiedene Kinder vorliegen. Taucht später bei einer Heirat oder Taufe der nächsten Generation einer dieser Patenkreise wieder auf, kann das bei der Identifizierung helfen.
Paten sind deshalb keine dekorativen Nebennamen, die man beim Abschreiben des Kirchenbuchs aus Platzgründen weglassen sollte. In komplizierten Familien können sie genau der Hinweis sein, der zwei ansonsten fast identische Personen trennt.
Ein eigener Beitrag zu Taufpaten und ihrer Bedeutung für die Ahnenforschung ist im Atelier-Memoria-Themenplan ebenfalls vorgesehen. Bis dahin gilt eine einfache Regel: Paten immer mitschreiben.
Warum Online-Stammbäume bei Namenswiederholungen gefährlich werden
Das Problem wird größer, sobald ein falscher Zusammenschluss online veröffentlicht wird.
Eine Person führt Anna I und Anna II zusammen. Der nächste Stammbaum übernimmt den Datensatz. Eine dritte Plattform importiert die Verbindung. Nach einigen Jahren existieren zehn Stammbäume mit derselben falschen Anna, und die schiere Zahl der Treffer vermittelt plötzlich den Eindruck, die Zuordnung müsse stimmen.
Sie stammt möglicherweise trotzdem zehnmal aus demselben ursprünglichen Fehler.
FamilySearch warnt bei scheinbar doppelten Kindern ausdrücklich davor, Datensätze allein wegen gleicher oder ähnlicher Namen zusammenzuführen. Vor einer Verschmelzung sollen Geburts- und Todesangaben sowie die zugrunde liegenden Quellen geprüft werden; als eine mögliche Erklärung nennt FamilySearch ausdrücklich die Wiedervergabe des Namens eines verstorbenen Kindes.
Auch das Landesarchiv Baden-Württemberg empfiehlt, bei der Familienforschung keinen Zwischenschritt und keine Generation zu überspringen. Ist eine falsche Verbindung einmal hergestellt, führt die weitere Recherche häufig sehr überzeugend in die falsche Familie.
Ein Online-Stammbaum ist deshalb ein Hinweis.
Der Tauf- oder Sterbeeintrag ist die Quelle.
Was tun, wenn der erste Todeseintrag fehlt?
Dann wird aus einer schnellen Zuordnung richtige Recherche.
Zuerst würde ich prüfen, ob die richtige Pfarrei durchsucht wurde. Kirchliche Grenzen entsprechen nicht immer heutigen Gemeindegrenzen. Das Landesarchiv Baden-Württemberg weist darauf hin, dass sich kirchliche Zuständigkeiten verändert haben und deshalb auch Kirchenbücher benachbarter Orte relevant sein können.
Danach lohnt sich die Suche nach weiteren Quellen: Familienregister, Seelenregister, spätere Heiraten, Konfirmationen, Bürgerlisten oder bei jüngeren Zeiträumen Personenstandsregister. In Baden wurden staatliche Personenstandsregister 1870 eingeführt, in Württemberg 1876; für das 19. Jahrhundert sind zusätzlich umfangreiche Kirchenbuchzweitschriften erhalten und teilweise digital zugänglich.
Wichtig ist, die Unsicherheit nicht durch Fantasie zu beseitigen. Wenn zwei gleichnamige Kinder belegt sind, aber der Tod des ersten nicht gefunden wird, kann genau das im Stammbaum stehen:
„Zwei Taufeinträge belegt. Ob das ältere Kind vor der Geburt des jüngeren starb, bislang nicht nachgewiesen.“
Das ist kein unfertiger Stammbaum.
Das ist saubere Quellenarbeit.
Kann man aus dem zweiten gleichen Namen auf einen verlorenen Sterbeeintrag schließen?
Als Hinweis: ja.
Als Beweis: nein.
Historische Demografen haben Namenswiederholungen tatsächlich genutzt, um über möglicherweise fehlende Sterbeeinträge nachzudenken. Gerade daraus entstand allerdings eine wissenschaftliche Debatte. Wenn lebende Geschwister ebenfalls denselben Namen tragen konnten, darf die zweite Taufe nicht automatisch als Ersatzbeleg für einen nicht eingetragenen Tod behandelt werden. Die Forschung zu britischen Daten zeigt dieses methodische Problem sehr deutlich.
Für die private Ahnenforschung ist die Konsequenz angenehm einfach: Ein wiederholter Vorname ist ein Signal, weiterzusuchen.
Kein Ersatz für die Suche.
Hat die Namenswiedervergabe etwas mit fehlender Bindung an verstorbene Kinder zu tun?
Dafür gibt es keinen vernünftigen pauschalen Beleg.
Gerade bei historischen Familien wird aus der hohen Kindersterblichkeit gern eine psychologische Theorie gebaut: Kinder seien ohnehin häufig gestorben, deshalb hätten Eltern sich weniger gebunden; der Name sei anschließend einfach an das nächste Kind weitergereicht worden.
So etwas lässt sich aus einem Kirchenbuch nicht ablesen.
Wir können hohe historische Säuglingssterblichkeit belegen. Wir können Wiedervergabe von Namen belegen. Wir können in einzelnen Regionen traditionelle Nachbenennungssysteme nachweisen. Daraus folgt nicht, dass Eltern den Tod eines Kindes als belanglos empfanden oder das nächste Kind als Ersatz betrachteten.
Historische Quellen geben über Trauer sehr unterschiedlich Auskunft. Manche Familien hinterließen Briefe, Tagebücher oder Grabinschriften; bei den meisten Menschen bleibt uns nur der knappe Eintrag im Kirchenbuch.
Eine saubere historische Darstellung sollte diese Grenze aushalten.
Eine kleine Arbeitsregel verhindert erstaunlich viele falsche Vorfahren
Wenn derselbe Vorname bei denselben Eltern erneut auftaucht, würde ich nie sofort zusammenführen.
Ich lege zunächst zwei Personen an und versuche anschließend, beide Lebensläufe getrennt zu belegen. Taufe, Tod beziehungsweise Begräbnis, Paten, spätere Heirat, Wohnort und weitere Familienereignisse werden nebeneinander betrachtet. Erst wenn die Quellen wirklich zeigen, dass zwei Einträge dieselbe Person betreffen, werden sie zusammengeführt.
Diese Arbeitsweise entspricht auch dem Grundprinzip, das das Landesarchiv für genealogische Recherche empfiehlt: vom belegten Ereignis zum nächsten belegten Ereignis arbeiten und Unsicherheit sichtbar lassen, statt eine plausible Verbindung unbemerkt in eine Tatsache zu verwandeln.
Bei Atelier Memoria begegnet uns genau dieses Problem immer wieder: Ein Name ist der Anfang einer Recherche, nicht die Identität einer Person. Wer historische Familien rekonstruieren will, muss Menschen auseinanderhalten können, die dieselbe Zeit, denselben Ort und manchmal sogar dieselben Eltern und denselben Vornamen teilen.
Weitere Beiträge über historische Quellenarbeit und Familiengeschichte erscheinen im Blog von Lou Herfurth. Einen Überblick über die historischen Buch- und Rechercheprojekte gibt es über lou-herfurth.de.

