Wer morgens ins Aquarium schaut und plötzlich eine Ansammlung kleiner Bläschen unter einem Blatt entdeckt, könnte zunächst vermuten, der Filter habe über Nacht irgendeine neue Marotte entwickelt. Wenn dort ein männlicher Betta splendens wohnt, steckt meist etwas anderes dahinter: Der Kampffisch hat ein Schaumnest gebaut.
Das Schaumnest gehört zum Fortpflanzungsverhalten von Betta splendens. Das Männchen legt es an der Wasseroberfläche an und nutzt es bei einer Paarung als Brutplatz für Eier und später für die frisch geschlüpften Larven. Ein Weibchen muss dafür nicht im Aquarium leben. Auch einzeln gehaltene Männchen können Schaumnester bauen.
Wer also einen einzelnen Kampffisch hält und plötzlich Schaum im Aquarium findet, muss weder ein bislang unentdecktes Weibchen suchen noch davon ausgehen, dass mit dem Wasser etwas nicht stimmt. Meist macht der Fisch schlicht etwas, das Kampffischmännchen seit sehr langer Zeit machen.
Gerade solche Verhaltensweisen machen Bettas auch für Kinder spannend zu beobachten. Warum das funktioniert und welche Aufgaben dabei trotzdem bei Erwachsenen bleiben, erkläre ich ausführlicher im Beitrag Kampffische für Kinder: Warum Bettas so faszinierend sind.
Was ist ein Schaumnest beim Kampffisch?
Ein Kampffisch-Schaumnest besteht aus vielen kleinen Luftblasen an der Wasseroberfläche. Männliche Betta splendens setzen sie bevorzugt an geschützten Stellen ab. Das kann unter einem Schwimmblatt sein, zwischen Schwimmpflanzen oder in einer ruhigen Ecke des Aquariums.
Manchmal sieht das Ergebnis aus wie ein ziemlich ordentlich abgegrenztes kleines Blasenfeld. Andere Männchen verteilen ihre architektonischen Bemühungen eher großzügig über die Oberfläche. Die Größe eines Schaumnestes ist deshalb von Tier zu Tier und von Nest zu Nest unterschiedlich.
Der Sinn dieser Konstruktion erschließt sich spätestens bei der Fortpflanzung. Das Nest dient als Ort, an dem die befruchteten Eier gehalten und anschließend vom Männchen betreut werden. Der Bundesverband für fachgerechten Natur-, Tier- und Artenschutz beschreibt Betta splendens ausdrücklich als Schaumnestbauer. Das Männchen baut das Nest, bewacht es und übernimmt nach einer Paarung einen wesentlichen Teil der Brutpflege. Informationen des BNA zur Aquaristik
Das Ganze ist also kein merkwürdiger Zeitvertreib und auch keine Form aquatischer Inneneinrichtung. Es gehört zur Fortpflanzungsbiologie des Fisches.
Warum liegt das Schaumnest an der Wasseroberfläche?
Betta splendens gehört zu den Labyrinthfischen und ist an warme, überwiegend ruhige Gewässer angepasst. Die Justus-Liebig-Universität Gießen beschreibt den natürlichen Lebensraum des Siamesischen Kampffisches als stehende oder sehr langsam fließende Gewässer mit dichter Vegetation. Für die Haltung im Aquarium werden entsprechend Pflanzenbestände und eine geringe Strömung empfohlen. Untersuchung der Justus-Liebig-Universität Gießen zu Betta splendens
Eine ruhige Wasseroberfläche hilft dem Schaumnest, zusammenzubleiben. Schwimmpflanzen und Blätter können zusätzlichen Schutz bieten. Ein Filterauslass, der quer durch das Aquarium eine kleine Nordsee produziert, bewirkt eher das Gegenteil.
Der BNA weist bei Betta splendens ausdrücklich darauf hin, dass starke Wasserbewegung ungünstig ist und Schaumnester zerstören kann.
Das ist einer der Gründe, warum ein Kampffisch-Aquarium grundsätzlich mit sanfter Strömung eingerichtet werden sollte. Wie Beckengröße, Heizung, Filter, Pflanzen und Rückzugsmöglichkeiten zusammenpassen, erkläre ich im Grundlagenartikel Kampffisch-Aquarium einrichten: Was ein Betta wirklich braucht.
Wie baut ein Kampffisch sein Schaumnest?
Wer einen Betta dabei beobachtet, sieht ihn immer wieder an die Wasseroberfläche kommen. Beim Nestbau setzt das Männchen dort nach und nach Blasen ab, bis sich eine zusammenhängende Ansammlung bildet.
Das kann erstaunlich fleißig aussehen. Der Fisch schwimmt zur Oberfläche, arbeitet am Nest, verschwindet wieder und kehrt wenig später zurück. Manches Männchen baut einen erstaunlich kompakten Bereich, ein anderes produziert etwas, das eher nach einem fehlgeschlagenen Schaumbad aussieht.
Wichtiger als die Form ist die Lage. Ruhige Stellen unter Schwimmpflanzen oder Blättern bieten dem Nest Schutz vor Wasserbewegung. Das passt zu den Bedingungen, die Betta splendens ohnehin bevorzugt.
Für die Haltung bedeutet das nicht, dass ein Aquarium extra zum Nestbau umgebaut werden muss. Pflanzen, freie Oberflächenbereiche und schwache Strömung gehören ohnehin zu einer vernünftigen Einrichtung.
Was passiert bei der Paarung?
Hier bekommt das Schaumnest seine eigentliche Aufgabe.
Bei der Fortpflanzung trifft das Männchen unter dem Nest auf ein laichbereites Weibchen. Während der Paarung werden Eier abgegeben und befruchtet. Das Männchen sammelt Eier ein und bringt sie in den Nestbereich. Anschließend bewacht und pflegt es die Brut.
Die BNA-Sachkundeunterlagen beschreiben, dass das Männchen das Weibchen zum Ablaichen unter das Schaumnest lockt. Nach dem Ablaichen wird das Weibchen bei einer gezielten Zucht wieder entfernt. Das Männchen bleibt zunächst bei der Brut. Sobald die Jungfische frei schwimmen, verändert sich diese Situation erneut.
Damit übernimmt ausgerechnet der Fisch, der wegen seiner Aggressivität gegenüber anderen Männchen berühmt geworden ist, eine ausgesprochen aktive Rolle bei der Brutpflege.
Fische sind gelegentlich schlecht darin, sich an einfache Klischees zu halten.
Mein Kampffisch baut ein Schaumnest ohne Weibchen – ist das normal?
Ja.
Ein männlicher Betta splendens kann ein Schaumnest bauen, obwohl kein Weibchen im Aquarium lebt. Der Nestbau gehört zu seinem normalen Verhaltensrepertoire und setzt nicht voraus, dass unmittelbar eine Partnerin anwesend ist.
Deshalb bitte nicht auf die Idee kommen, dem Fisch jetzt schnell ein Weibchen zu kaufen, damit sich seine Arbeit „gelohnt“ hat.
Ein Schaumnest ist keine Bestellung.
Männliche Betta splendens werden normalerweise einzeln gehalten. Eine gezielte Zucht ist etwas völlig anderes als das dauerhafte Zusammensetzen eines Männchens und eines Weibchens. Bei der Verpaarung muss das Verhalten beider Tiere genau beobachtet werden, anschließend folgt die Aufzucht der Jungfische. Spätestens dabei wird aus der zunächst niedlichen Vorstellung von Kampffischbabys ein ziemlich umfangreiches Aquaristikprojekt.
Wer lediglich einen einzelnen Betta hält, kann das Schaumnest einfach als das betrachten, was es ist: interessantes, arttypisches Verhalten.
Bedeutet ein Schaumnest, dass mein Kampffisch glücklich ist?
Diese Übersetzung würde ich mir sparen.
Im Internet wird ein Schaumnest gern als eine Art Glückszertifikat behandelt: Nest da, Fisch glücklich. Kein Nest, Fisch unglücklich.
Tierverhalten funktioniert selten so bequem.
Biologisch lässt sich zunächst eine wesentlich nüchternere Aussage treffen: Schaumnestbau gehört zum Fortpflanzungs- und Brutpflegeverhalten männlicher Betta splendens. Ein Männchen, das ein Nest baut, zeigt also ein Verhalten, das für seine Art typisch ist. Daraus lässt sich allein nicht ableiten, dass sämtliche Haltungsbedingungen optimal sind.
Das wäre ungefähr so, als wollte man den gesamten Gesundheitszustand eines Huhns daran beurteilen, ob es ein Ei gelegt hat.
Für die Beurteilung eines Kampffisches ist das Gesamtbild wichtiger. Frisst der Fisch normal? Bewegt er sich aufmerksam durch das Aquarium? Sind seine Flossen intakt? Nutzt er verschiedene Bereiche des Beckens? Stimmen Temperatur und Wasserwerte? Gibt es Anzeichen für Krankheit oder dauerhaften Stress?
Das Schaumnest gehört zu diesem Gesamtbild. Es ist kein amtliches Gütesiegel des Fisches für die eigene Aquarieneinrichtung.
Was bedeutet es, wenn mein Kampffisch kein Schaumnest baut?
Zunächst einmal gar nichts Beunruhigendes.
Nicht jedes Männchen baut ständig Schaumnester. Auch gibt es keinen vernünftigen Grund, die Qualität eines Kampffisches daran zu messen, wie viel Schaum er innerhalb einer Woche produziert.
Individuelle Unterschiede spielen ebenso eine Rolle wie die Bedingungen an der Wasseroberfläche. Ist dort viel Bewegung, kann ein begonnenes Nest schnell wieder auseinanderfallen. Der BNA nennt eine zu starke Wasserbewegung ausdrücklich als möglichen Grund dafür, dass Schaumnester nicht bestehen bleiben.
Ein fehlendes Schaumnest ist für sich genommen deshalb kein Krankheitszeichen.
Wenn sich hingegen das gesamte Verhalten eines Kampffisches verändert, er nicht mehr frisst, ungewöhnlich atmet oder andere Auffälligkeiten zeigt, sollte man die Ursache suchen. Ob irgendwo drei Blasen unter einer Wasserlinse hängen, wäre in diesem Fall eine meiner geringeren Sorgen.
Soll man ein Schaumnest entfernen?
Bei einem einzeln gehaltenen männlichen Kampffisch gibt es normalerweise keinen Grund, gezielt mit einem Löffel hinter dem Schaumnest herzuräumen.
Wer ohnehin einen notwendigen Wasserwechsel durchführt, muss um ein unbefruchtetes Schaumnest allerdings auch keine kilometerweite Sicherheitszone errichten. Wird ein Teil davon zerstört, ist das keine Katastrophe. Der Kampffisch kann wieder bauen.
Anders sieht es aus, wenn sich tatsächlich befruchtete Eier oder Larven im Nest befinden. Dann befindet man sich mitten in einer gezielten Kampffischzucht und muss entsprechend anders vorgehen.
Diese beiden Situationen sollte man nicht miteinander verwechseln.
„Mein Betta hat ein Schaumnest gebaut“ bedeutet normalerweise lediglich, dass ein Männchen sein arttypisches Verhalten zeigt.
„Ich möchte Betta splendens züchten“ bedeutet dagegen, dass Platz, weitere geeignete Aquarien, Jungfischfutter und später möglicherweise die getrennte Unterbringung heranwachsender Tiere organisiert werden müssen.
Das sind zwei ziemlich unterschiedliche Nachmittagsbeschäftigungen.
Was sagt ein Schaumnest über die Einrichtung des Aquariums aus?
Zumindest hat der Fisch an der Wasseroberfläche offenbar einen Bereich gefunden, an dem seine Blasen eine Weile bestehen bleiben.
Das passt zu den Ansprüchen von Betta splendens. Kampffische stammen aus ruhigen, pflanzenreichen Gewässern. Im Aquarium sollte die Strömung deshalb schwach sein, während Pflanzen Deckung und Struktur bieten. Die Wasseroberfläche muss gleichzeitig frei erreichbar bleiben, weil Betta splendens als Labyrinthfisch regelmäßig atmosphärische Luft aufnimmt.
Für meine Haltungsempfehlungen gilt dabei eine Mindestgröße von 60 Litern. Das entspricht der grundsätzlichen Empfehlung des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat für die dauerhafte Fischhaltung. Auch in der dort veröffentlichten Übersicht wird Betta splendens der 60-Zentimeter-Aquarienklasse zugeordnet. Hinweise des Bundesministeriums zur Zierfischhaltung
Wer sein erstes Betta-Becken plant, sollte sich deshalb nicht daran orientieren, wie wenig Wasser ein Kampffisch überleben kann. Im Beitrag Kampffisch-Aquarium einrichten habe ich die Einrichtung eines 60-Liter-Beckens ausführlich beschrieben.
Ein Schaumnest ist für Kinder ein ziemlich gutes Forschungsprojekt
Gestern waren dort Pflanzen, Wasser und Fisch. Heute hängt unter einem Blatt plötzlich eine Ansammlung winziger Blasen.
Für Kinder beginnt damit beinahe automatisch die Fragerei.
Warum sind die Blasen dort? Hat der Fisch das wirklich selbst gemacht? Wieso verschwinden sie nicht sofort? Wird das Nest morgen größer sein? Warum baut er immer an derselben Stelle?
Damit lässt sich Tierbeobachtung wunderbar anfangen, ohne den Fisch anzufassen oder sein Verhalten künstlich zu provozieren. Ein Kind kann beobachten, wo der Betta baut, wie sich das Nest verändert und welche Bereiche des Aquariums er dafür bevorzugt.
Gerade deshalb finde ich Kampffische als Beobachtungstiere interessant. Im Pillar-Artikel Kampffische für Kinder: Warum Bettas so faszinierend sind geht es ausführlicher darum, was Kinder an Betta splendens tatsächlich beobachten und lernen können und wo Erwachsene die Verantwortung übernehmen müssen.
Weitere Tier- und Aquaristikthemen findest du in meinem Blog. Auf der Seite Über mich erzähle ich mehr über meine Arbeit mit Tier- und Naturthemen; meine Bücher und bisherigen Projekte sind unter Veröffentlichungen und Referenzen gesammelt.
Auch mein Buch „Betta Buddy“ ist aus diesem Blick auf Kampffische entstanden. Betta Buddy ist ein interaktives Kinderbuch über Betta splendens und Aquaristik von Lou Herfurth. Kinder sollen ihren Kampffisch darin beobachten, sein Verhalten kennenlernen und verstehen, was in seinem Aquarium eigentlich passiert.
Ein Schaumnest ist dafür ein ziemlich guter Anfang.
Denn sobald ein Kampffisch morgens ein kleines Luftblasenbauwerk unter seine Schwimmpflanzen gesetzt hat, erledigt der Fisch einen Teil der Arbeit selbst: Er liefert die nächste Frage gleich mit.

