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Was Menschen im Jahr 1701 für wahr hielten

Im Atelier Memoria liegt das Buch „Aus der Schatzkammer der Wunder“ neben alten Karten, einer brennenden Kerze und einem Globus

Im Jahr 1701 konnte ein gebildeter Leser ein Buch über Landwirtschaft aufschlagen und erstaunlich vernünftige Ratschläge über Obstbau, Bienenzucht oder Pferdehaltung finden. Im nächsten Werk erklärte ein studierter Mediziner „Natur-Geheimnisse“ und beschäftigte sich mit der Verwandlung von Metallen. Gelehrte Ärzte sammelten genaue Beobachtungen ungewöhnlicher Krankheiten, Tiere und Naturerscheinungen, während der Stein der Weisen noch keineswegs ausschließlich in den Bereich der Fantasy gehörte.

Alles davon wurde gedruckt.

Das macht die Frage „Was glaubten Menschen 1701?“ erheblich komplizierter als eine Liste alter Irrtümer. Es gab 1701 keinen gemeinsamen Wissensstand, den sämtliche Bewohner der deutschen Territorien teilten. Eine Bäuerin, ein Apotheker, ein Universitätsprofessor und ein Handwerker verfügten über unterschiedliche Informationen und konnten dieselbe Erscheinung völlig verschieden erklären. Auch ein gedrucktes Buch beweist nicht, dass seine Behauptungen allgemein geglaubt wurden. Es zeigt zunächst, was ein Autor für mitteilenswert hielt, was ein Verleger drucken ließ und was einem damaligen Publikum zumindest zugemutet werden konnte.

Gerade um 1701 geraten unsere heutigen Kategorien ins Rutschen. Präzise Naturbeobachtung steht neben Spekulation. Medizinisches Erfahrungswissen neben Rezepten, deren Wirkung sich heute nicht bestätigen lässt. Landwirtschaftliche Erfahrung neben Vorstellungen von verborgenen Kräften der Natur. Newtons mathematische Beschreibung der Gravitation war bereits veröffentlicht, während andere Gelehrte weiterhin nach Möglichkeiten der Metallverwandlung suchten.

Das Jahr 1701 war damit keine Welt, in der „die Wissenschaft noch nichts wusste“. Es war eine Welt, in der neues Wissen, altes Wissen, Beobachtung, Überlieferung und Spekulation gleichzeitig gedruckt wurden.

1701 lag mitten in einem gewaltigen Umbau des Wissens

Wer 1701 als eine Zeit betrachtet, in der Menschen noch geschlossen an Zauberei, Wunder und Aberglauben glaubten, macht es sich zu einfach.

Isaac Newtons Philosophiae Naturalis Principia Mathematica war bereits 1687 erschienen. Das Werk formulierte mathematische Gesetze für Bewegung und Gravitation und veränderte die Naturphilosophie grundlegend. Die Royal Society hatte seit 1665 ihre Philosophical Transactions, Experimente wurden vorgeführt und Naturbeobachtungen systematisch ausgetauscht.

Auch im deutschen Sprachraum existierte organisierte Naturforschung. Die heutige Leopoldina war bereits 1652 als Academia Naturae Curiosorum gegründet worden und veröffentlichte mit den Miscellanea Curiosa medizinische und naturkundliche Beobachtungen. Ein erhaltener Band umfasst gerade die Jahre 1701 bis 1706. Die Biodiversity Heritage Library stellt dieses Werk heute vollständig digitalisiert zur Verfügung.

Das klingt zunächst erstaunlich modern.

Nur sollte man sich diese frühen Naturforscher nicht als Menschen vorstellen, die bereits unsere heutigen Grenzen zwischen Wissenschaft und Nichtwissenschaft gezogen hatten. Die Leopoldina selbst beschreibt für das ausgehende 17. Jahrhundert ein Nebeneinander von Empirie und Spekulation. Auch Vorstellungen der magia naturalis, der natürlichen Magie, spielten weiterhin eine Rolle.

Ein Gelehrter konnte also sehr genau beobachten und gleichzeitig Erklärungen akzeptieren, die wir heute verwerfen würden.

Das eine schloss das andere nicht aus.

Ein ungewöhnliches Ereignis war wissenschaftlich interessant, gerade weil es ungewöhnlich war

Die frühen naturwissenschaftlichen Zeitschriften sammelten auffällige Einzelbeobachtungen. Seltene Erkrankungen, ungewöhnliche Geburten, merkwürdige Tiere, Mineralien oder andere Naturerscheinungen waren keine peinlichen Randthemen, sondern interessantes Material.

Das Wort „curiosus“ meinte dabei mehr als unsere heutige Vorstellung von einer bloßen Kuriosität. Es bezeichnete Neugier, Wissbegierde und die Beschäftigung mit bemerkenswerten Erscheinungen.

Die Miscellanea Curiosa der Naturforscherakademie dokumentieren genau diese Welt. Gelehrte sandten Beobachtungen ein, verglichen Fälle und machten sie einem fachlichen Publikum zugänglich. Dass eine Beobachtung außergewöhnlich war, sprach nicht gegen ihre Veröffentlichung. Im Gegenteil: Gerade das Seltene konnte als Hinweis auf bislang unbekannte Eigenschaften der Natur gelten.

Hier entsteht leicht ein Missverständnis, wenn wir solche Texte heute lesen.

Ein Bericht über eine ungewöhnliche medizinische Erscheinung beweist zunächst, dass jemand diesen Fall berichtet hat. Er beweist nicht automatisch, dass die darin enthaltene Erklärung zutrifft. Schon damals konnten Berichte übernommen, angezweifelt oder unterschiedlich interpretiert werden.

Historische Naturkunde ist deshalb oft zugleich erstaunlich präzise und ausgesprochen fremd.

Man erkennt den Wunsch, etwas genau zu beobachten.

Bei der Erklärung biegt der Text gelegentlich in eine Richtung ab, in die wir heute nicht mehr mitgehen würden.

Der Stein der Weisen war 1701 noch kein erledigter Unsinn

Besonders deutlich wird diese Übergangszeit an der Alchemie.

Johann Otto von Hellwig war kein Jahrmarktszauberer, sondern Mediziner und gelehrter Autor. 1701 erschien in Sondershausen eine Ausgabe seiner Curiosa Physica oder Lehre von unterschiedlichen Natur-Geheimnissen. Das Werk ist heute digital zugänglich.

Hellwig beschäftigte sich intensiv mit Alchemie und der Idee des Steins der Weisen. Bibliografische Nachweise zu seinen Schriften nennen für die Curiosa Physica unter anderem Kapitel über die „Tinctur“ der Metalle und Gold. Seine Werke zeigen, dass alchemistische Fragen um 1700 weiterhin Teil gelehrter Druckkultur sein konnten.

Das heißt nicht, dass „die Menschen 1701 glaubten, man könne Blei in Gold verwandeln“.

Es heißt etwas Interessanteres: Die Möglichkeit der Metalltransmutation war in gelehrten Kreisen noch nicht vollständig aus dem Bereich ernsthafter Naturerklärung verschwunden.

Unsere heutige Grenze ist klar. Chemische Elemente lassen sich durch gewöhnliche chemische Verfahren nicht ineinander verwandeln. Um 1701 war die moderne Elementlehre noch nicht ausgebildet. Materie wurde mit anderen theoretischen Modellen erklärt, und die jahrhundertealte alchemistische Literatur bot dafür einen ganzen Vorrat an Begriffen und Experimenten.

Wer einen solchen Text heute lediglich mit „Aberglaube“ abheftet, übersieht deshalb die eigentliche Geschichte.

Hier sieht man Wissenschaft im Umbau.

Naturgeheimnis bedeutete nicht automatisch Zauberei

Der Begriff „Geheimnis“ taucht in frühneuzeitlichen Büchern auffällig häufig auf.

Für uns klingt ein „Natur-Geheimnis“ schnell nach Esoterik. Damals konnte damit etwas gemeint sein, dessen Wirkungsweise verborgen oder nur Eingeweihten bekannt war. Sammlungen von Arcana, Geheimnissen, enthielten praktische Rezepte, medizinische Mittel, chemische Verfahren, Haushaltstipps und alchemistische Vorstellungen nebeneinander.

Diese Mischung wirkt heute inkonsequent, weil wir die einzelnen Bereiche längst unterschiedlichen Fächern zugeordnet haben.

1701 war das weniger selbstverständlich.

Ein Stoff konnte als Arznei untersucht, chemisch verarbeitet und gleichzeitig innerhalb einer naturphilosophischen Theorie gedeutet werden, die uns heute fremd ist. Wissen organisierte sich noch nicht in genau denselben Schubladen wie unsere moderne Universität.

Das erklärt auch, warum ein historisches Buch innerhalb weniger Seiten zwischen einer überraschend brauchbaren Beobachtung und einer Behauptung wechseln kann, bei der man heute sehr lange nach dem Wirkmechanismus suchen dürfte.

Der Autor musste darin keinen Widerspruch sehen.

Gleichzeitig erschienen erstaunlich nüchterne Gebrauchsenzyklopädien

Wer 1701 ausschließlich mit wundersamen Geschichten verbindet, bekommt ebenfalls ein schiefes Bild.

Im selben Jahr erschien eine neue Ausgabe von Wolf Helmhardt von Hohbergs umfangreicher Georgica Curiosa Aucta. Die Deutsche Digitale Bibliothek verzeichnet das Werk als mehrbändiges Handbuch über die in den deutschen Ländern üblichen Land- und Hauswirtschaften. Es behandelt Landwirtschaft, Gartenbau, Viehhaltung und zahlreiche weitere Fragen des ländlichen Wirtschaftens.

Ein zeitgenössisches Buch konnte also hunderte Seiten damit verbringen, wie ein Gut bewirtschaftet, ein Garten angelegt oder Vieh gehalten werden sollte.

Das ist wichtig, weil unsere Vorstellung von der Zeit sonst schnell aus besonders kuriosen Quellen zusammengesetzt wird.

Natürlich findet man 1701 Geschichten über außergewöhnliche Naturerscheinungen.

Man findet aber ebenso Menschen, die wissen wollten, wann etwas gepflanzt werden musste.

Wie Pferde gehalten wurden.

Was mit Bienen zu tun war.

Wie ein Haushalt wirtschaftlich funktionierte.

Der Alltag bestand auch 1701 überwiegend daraus, dass irgendjemand morgens aufstehen und Arbeit erledigen musste.

„Die Menschen glaubten das“ ist fast immer zu groß formuliert

Historische Sachtexte haben ein notorisches Problem mit dem Wort „man“.

„Man glaubte damals, dass …“

Wer ist man?

Eine Veröffentlichung eines gelehrten Arztes beweist nicht, dass eine Magd in Mecklenburg dieselbe Vorstellung kannte. Ein medizinischer Text sagt wenig darüber aus, welche Mittel ein Bauer in Bayern verwendete. Ein gedrucktes Hausbuch konnte weit verbreitet sein und trotzdem nicht in jedem Haushalt stehen.

Alphabetisierung, Bildung und Zugang zu Büchern waren sozial ungleich verteilt. Viele Informationen wurden mündlich weitergegeben. Regionale Bräuche unterschieden sich. Konfession und Beruf beeinflussten die Wissenswelt ebenfalls.

Selbst unter Gelehrten herrschte keineswegs Einigkeit.

Das ist auch der Grund, warum ich bei historischen Wunderberichten lieber schreibe:

„Der Autor berichtet …“

„In diesem Werk wird behauptet …“

„Zeitgenössisch ist die Vorstellung belegt …“

statt:

„1701 wusste man …“

Die erste Formulierung beschreibt eine Quelle.

Die zweite erfindet im schlimmsten Fall eine ganze Gesellschaft dazu.

Gedruckt bedeutete nicht automatisch geglaubt

Auch dieser Unterschied ist leicht zu übersehen.

Ein gedruckter Bericht konnte eine Beobachtung dokumentieren, eine fremde Erzählung wiedergeben oder ausdrücklich diskutieren. Autoren übernahmen Material aus älteren Werken. Verleger brachten erfolgreiche Texte erneut heraus. Eine ungewöhnliche Geschichte konnte gerade deshalb interessant sein, weil sie außergewöhnlich war.

Drucken bedeutete zunächst Verbreiten.

Es bedeutete nicht Beglaubigen.

Für heutige Leser wird die Sache noch schwieriger, wenn wir nur einen einzelnen Absatz aus einem historischen Werk herauslösen. Dann fehlt möglicherweise, ob der Autor selbst Zweifel äußert, eine Gegenmeinung nennt oder lediglich einen fremden Bericht referiert.

Das ist bei den merkwürdigen Geschichten der Frühen Neuzeit besonders wichtig.

Ein dreihundert Jahre alter Druck ist eine Originalquelle dafür, dass dieser Text existierte.

Er ist nicht automatisch eine Originalquelle dafür, dass das beschriebene Wunder tatsächlich geschehen ist.

1701 war die Grenze zwischen Beobachtung und Erklärung oft dort, wo es für uns interessant wird

Man kann das an medizinischen Texten besonders gut sehen.

Ein Arzt konnte Symptome sehr genau beschreiben. Er sah den Patienten, beobachtete den Verlauf und hielt Veränderungen fest. Diese Beobachtung kann auch für moderne Medizinhistoriker interessant sein.

Danach folgt die Erklärung.

Hier können Vorstellungen über Körpersäfte, verborgene Qualitäten von Stoffen oder andere zeitgenössische Theorien auftauchen. Die Beschreibung und ihre Deutung besitzen damit ganz unterschiedliche historische Werte.

Ähnliches gilt für Naturbeobachtungen.

Ein Autor kann ein Tier ausgesprochen genau beschreiben und anschließend sein Verhalten falsch erklären.

Er kann einen Stein korrekt charakterisieren und ihm medizinische Wirkungen zuschreiben, für die es keinen Beleg gibt.

Gerade diese Kombination macht alte Wissensliteratur lesenswert. Man bekommt keinen Block aus „richtig“ oder „falsch“. Man sieht, wie Menschen mit den ihnen verfügbaren Werkzeugen versuchten, die Welt zu ordnen.

Manchmal erstaunlich erfolgreich.

Manchmal eher nicht.

Das Jahr 1701 gehört bereits zum Zeitalter gedruckter Wissensmassen

Ein weiterer Punkt geht beim Blick auf einzelne kuriose Bücher schnell verloren: Um 1701 war der Buchdruck längst keine neue Erfindung mehr.

Der deutsche Sprachraum produzierte eine große Zahl theologischer, juristischer, medizinischer, naturkundlicher und praktischer Druckwerke. Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte „Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 18. Jahrhunderts“, kurz VD18, setzt genau mit dem Jahr 1701 ein und soll die Druckproduktion des deutschsprachigen Raums zwischen 1701 und 1800 bibliografisch erfassen und digitalisieren.

Damit lässt sich heute etwas tun, wovon historische Forscher früher nur träumen konnten: Bücher aus unterschiedlichen Bibliotheken miteinander vergleichen, Ausgaben verfolgen und ganze Wissenslandschaften digital durchsuchen.

Das verändert auch unsere Vorstellung vom „damaligen Wissen“.

Je mehr Quellen zugänglich werden, desto schwerer lässt sich behaupten, eine Epoche habe nur eine einzige Meinung zu einem Thema gehabt.

Meistens finden wir mehrere.

Warum Wunder und Wissenschaft damals nebeneinanderpassten

Der Begriff „Wunder“ hatte ebenfalls ein breiteres Bedeutungsfeld als heute.

Eine ungewöhnliche Naturerscheinung konnte Verwunderung auslösen, ohne dass sie zwingend als übernatürlicher Eingriff verstanden wurde. Naturforscher interessierten sich gerade für Dinge, die von der gewöhnlichen Erfahrung abwichen. Sie sammelten, beschrieben und ordneten.

Die Leopoldina hat diesen Zusammenhang unter dem Titel „Wunder aus dem Buch der Natur“ selbst wissenschaftshistorisch aufgegriffen. Für ihre frühe Publikationsgeschichte betont sie die fließenden Grenzen zwischen Naturbeobachtung, Bildtradition, Spekulation und natürlicher Magie.

Das hilft beim Lesen alter Texte.

Wenn ein Autor etwas als „wunderbar“ oder „curios“ bezeichnet, sollte man nicht sofort unser modernes Etikett „übernatürlich“ daraufkleben.

Vielleicht meint er tatsächlich ein Wunder im religiösen Sinn.

Vielleicht beschreibt er einfach etwas Außergewöhnliches.

Vielleicht kennt er keine zufriedenstellende Erklärung.

Die Bedeutung ergibt sich aus dem Text.

Manche Vorstellungen von 1701 leben erstaunlich lange weiter

Historisches Wissen verschwindet nicht immer in dem Moment, in dem eine bessere Erklärung verfügbar ist.

Alte Heilmittel bleiben im Gebrauch. Geschichten werden weitererzählt. Praktisches Erfahrungswissen kann neben gelehrten Theorien existieren. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse verbreiten sich nicht gleichzeitig in sämtlichen Haushalten.

Das kennen wir übrigens bis heute.

Dass irgendwo eine wissenschaftliche Publikation erschienen ist, bedeutet nicht, dass am folgenden Morgen jede Küchenunterhaltung auf dem neuesten Forschungsstand stattfindet.

Für 1701 war dieser Abstand noch größer.

Wer also feststellen kann, dass eine bestimmte Theorie unter Gelehrten bereits diskutiert wurde, weiß damit noch wenig darüber, wann sie im Alltagswissen einer breiteren Bevölkerung ankam.

Umgekehrt können Vorstellungen in Alltagskultur und Volksmedizin lange weiterleben, nachdem gelehrte Autoren sie bereits zurückgewiesen haben.

Die Geschichte des Wissens ist selten ein sauberer Staffelstab.

Deshalb sollte man über 1701 weder lachen noch romantisieren

Alte Texte verleiten zu zwei gegensätzlichen Fehlern.

Der erste ist Spott. Man findet eine Behauptung, die heute offensichtlich falsch ist, und erklärt den Autor kurzerhand für leichtgläubig.

Der zweite ist die Romantisierung. Plötzlich wird aus jedem historischen Hausmittel „altes Wissen“, das die moderne Wissenschaft angeblich vergessen habe.

Beides hilft wenig.

Ein Mittel kann historisch interessant und medizinisch wirkungslos sein.

Eine Beobachtung kann korrekt sein, obwohl die Erklärung falsch war.

Eine alte Behandlung kann zufällig einen wirksamen Bestandteil enthalten und gleichzeitig gesundheitlich gefährlich gewesen sein.

Eine wundersame Geschichte kann erfunden sein und trotzdem sehr viel darüber verraten, was ein zeitgenössischer Leser für denkbar hielt.

Historische Quellen werden interessanter, sobald sie weder verspottet noch verteidigt werden müssen.

Man kann sie einfach ernst nehmen.

Was wissen wir dann wirklich darüber, was 1701 für wahr gehalten wurde?

Wir wissen, was Menschen aufschrieben.

Wir wissen, welche Bücher gedruckt wurden.

Wir können verfolgen, welche Werke neu aufgelegt wurden, welche Ideen gelehrte Gesellschaften diskutierten und welche praktischen Anweisungen in Handbüchern erschienen.

Wir können aus Gerichtsakten, Briefen, Predigten, medizinischen Veröffentlichungen und Haushaltsbüchern weitere Perspektiven hinzufügen.

Was wir nicht können, ist daraus eine einzige geistige Welt des Jahres 1701 zusammensetzen.

Gerade die gleichzeitig erschienenen Drucke zeigen das sehr schön. Hohbergs umfangreiche Landwirtschaftsenzyklopädie behandelt ausgesprochen konkrete Fragen der Wirtschaftsführung. Hellwigs Curiosa Physica beschäftigt sich mit Naturgeheimnissen und alchemistischen Problemen. Die Naturforscherakademie sammelt medizinische und naturkundliche Beobachtungen in ihren Miscellanea Curiosa. Newtons mathematische Naturphilosophie ist bereits in Europa verfügbar.

Alles davon gehört in dieselbe Zeit.

Das ist vermutlich die wichtigste Antwort auf die Frage.

„Aus der Schatzkammer der Wunder“: ein Blick in das Jahr 1701

Mein Buch „Aus der Schatzkammer der Wunder: Merkwürdige Geschichten, seltsame Begebenheiten und unglaubliche Wahrheiten aus dem Jahr 1701“, gemeinsam mit Sascha Ziegler, nimmt genau diese eigentümliche Wissenswelt in den Blick. Der Titel ist Programm: Die Texte des Jahres 1701 führen in eine Zeit, in der Beobachtung und Überlieferung, erstaunliche Tatsachen und schwer haltbare Erklärungen unmittelbar nebeneinanderstehen konnten. Das Buch erschien 2026; die bibliografischen Angaben führen die ISBN 979-8191200583.

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Die historischen Geschichten werden dabei interessanter, wenn man nicht fragt: „Wie konnten die das glauben?“

Besser ist die Frage: Woher kam diese Information, wer schrieb sie auf, was konnte der Autor tatsächlich beobachten und an welcher Stelle beginnt seine Erklärung?

Wer sich für diesen Umgang mit historischen Quellen interessiert, findet im Blog bereits den Beitrag über historische Trinkgewohnheiten und den Mythos vom Bier statt Wasser sowie den Artikel darüber, wie aus einem Verdacht ein frühneuzeitlicher Hexenprozess werden konnte. Weitere historische Recherchen und Buchprojekte stehen im Blog von Lou Herfurth und bei den Veröffentlichungen und Referenzen.